Die Bundeswehr plant erstmals die Einführung muslimischer Militärseelsorger. Dabei handelt es sich um ein Pilotprojekt, das Anfang 2026 starten soll und als Reaktion auf die wachsende religiöse Vielfalt innerhalb der Truppe verstanden wird. Ziel ist es, muslimischen Soldatinnen und Soldaten eine institutionelle Form geistlicher Begleitung zu ermöglichen, die bislang fehlte. Nach Schätzungen dienen derzeit rund 3000 Muslime in der Bundeswehr.

Nach übereinstimmenden Medienberichten soll der Einsatz der Imame zunächst ausschließlich innerhalb Deutschlands erfolgen. Anders als bei den christlichen Kirchen oder der jüdischen Militärseelsorge wird es keine staatliche Rahmenvereinbarung mit einer zentralen religiösen Organisation geben. Stattdessen sollen die Geistlichen auf Grundlage individueller Verträge beschäftigt werden. Hintergrund ist das Fehlen einer einheitlichen muslimischen Institution, die alle Gläubigen in Deutschland repräsentiert.

Derzeit sind in der Bundeswehr rund 100 evangelische und etwa 80 katholische Militärpfarrer tätig. Seit 2021 kümmern sich zudem neun Rabbiner um die religiösen Belange jüdischer Soldatinnen und Soldaten, deren Zahl auf etwa 300 geschätzt wird. Die Frage, wer künftig für Ausbildung und Auswahl muslimischer Militärseelsorger zuständig sein soll, galt lange als besonders sensibel.

Ein ausführlicher Bericht des öffentlich-rechtlichen Senders NDR vom 2. Januar 2026 beleuchtet die Perspektive der muslimischen Soldatin Nariman Hamouti. Die 46-jährige Berufssoldatin aus Hannover blickt auf eine lange Laufbahn mit Auslandseinsätzen zurück. Seit Jahren setzt sie sich für die Anerkennung religiöser Bedürfnisse muslimischer Soldaten ein.

Hamouti schilderte, wie sie während eines Afghanistan-Einsatzes im Jahr 2011 ihren schwer erkrankten Vater in Deutschland wusste. Damals habe ihr eine spirituelle Anlaufstelle gefehlt, die ihr Halt gegeben hätte. Als ihr Vater am 1. Januar 2025 starb, sei das Fehlen religiöser Begleitung besonders schmerzhaft gewesen. Rituale des Abschieds und der religiösen Trauer hätten ihr gefehlt, erklärte sie.

Nach derzeitigen Plänen soll die muslimische Militärseelsorge bewusst keinen vollständig institutionalisierten Charakter erhalten. Das Pilotprojekt ist zeitlich offen angelegt und gilt als vorsichtiger Einstieg. Damit unterscheidet sich das Modell deutlich von den bestehenden Strukturen für Christen und Juden, die fest im System der Bundeswehr verankert sind.

Juristisch wird dieser Ansatz unterschiedlich bewertet. Der Verfassungsrechtler Benedikt Pliesker von der Kanzlei Lenz und Wehlen hält eine dauerhafte Lösung auch ohne Staatsvertrag für möglich. Entscheidend seien weniger rechtliche Hürden als vielmehr politischer Wille und eine verlässliche Finanzierung. Ohne ausreichende Mittel, so Pliesker, blieben entsprechende Projekte zwangsläufig begrenzt.

Ein Blick auf andere NATO-Staaten zeigt, dass muslimische Soldaten dort längst Teil der Streitkräfte sind. In Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Kanada oder den USA liegt ihr Anteil in der Regel zwischen fünf und zehn Prozent, teilweise sogar darüber. Zwar existiert auch dort traditionell vor allem christliche Militärseelsorge, doch haben einige Staaten begonnen, gezielt islamische Betreuungskonzepte zu entwickeln.

So beschäftigen etwa Großbritannien und die USA bereits muslimische Militärseelsorger oder religiöse Berater. Dennoch bestehen auch dort Herausforderungen, etwa beim Mangel an qualifizierten Imamen oder bei der Bereitstellung geeigneter Gebetsräume und halal-konformer Verpflegung. Das Fehlen einheitlicher islamischer Organisationsstrukturen erschwert vielerorts die vollständige Integration in militärische Seelsorgesysteme.

Nariman Hamouti verweist auf diese internationalen Beispiele und kritisiert den bislang vorsichtigen Kurs der Bundeswehr. In anderen europäischen Armeen gebe es Ansprechpartner nicht nur für Muslime, sondern auch für andere Religionsgemeinschaften wie Hindus. Angesichts tausender muslimischer Soldaten in Deutschland, die bereit seien, ihr Leben für den Staat zu riskieren, dürfe deren religiöse Betreuung nicht länger vernachlässigt werden. Gerade in sicherheitspolitisch angespannten Zeiten sei dies ein Signal der Anerkennung und des Zusammenhalts.

Weiterführende Analysen zu internationaler Politik und Sicherheit finden sich unter anderem hier:
Deutsch-indische Beziehungen,
Geopolitik um Grönland,
Somalia und internationale Abkommen.

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