Netze gegen den Tod: Wie ukrainische Straßen zum Schutzschild gegen russische Drohnen wurden

Europa – Was einst gewöhnliche Verkehrsadern waren, hat sich in der Ukraine zu überlebenswichtigen Korridoren verwandelt. Über Straßen und Zufahrten spannen sich heute dichte Schutznetze – ein improvisierter, aber notwendiger Versuch, Zivilisten und Militärs vor den allgegenwärtigen russischen Drohnen zu bewahren. Der Alltag ist zur tödlichen Lotterie geworden, jede Fahrt ein kalkuliertes Risiko.

Von der Front abgeschaut: Schutznetze als Antwort auf die Drohnenbedrohung

Ein Feldbericht zeigt, wie Tankstellen und Hauptstraßen nahe der Frontlinien zu permanenten Zielen wurden. Die Idee der Netze ist dabei ironischerweise abgeschaut: Russische Truppen setzten sie zuvor selbst ein, um ihre militärischen Routen vor ukrainischen Drohnen zu schützen. Nun hängen sie auch über ukrainischen Straßen – notdürftig, aber wirksam genug, um Explosionsradius und Zielgenauigkeit zu stören.

Ein Betreiber einer Tankstelle in der Region Saporischschja berichtet von wiederholten Angriffen. Erst vor wenigen Tagen detonierte eine Drohne, als Menschen gerade auftankten. Verletzte, zerstörte Infrastruktur, Angst – ein Muster, das sich täglich wiederholt. „Es vergeht kein Tag ohne Verluste“, sagt er.

Gefährliche Korridore: Leben zwischen Dnipro und Donezk

Ein ukrainischer Soldat beschreibt die Strecke zwischen Dnipro und Donezk als eine der gefährlichsten Routen nahe der Front. Sie ist nicht für Fußgänger gedacht, sondern für Militärkonvois, Krankenwagen und jene, die dem Tod entkommen wollen. Entlang der Netze bewegen sich Fahrzeuge mit Störtechnik, um Drohnen abzuwehren und Evakuierungen zu ermöglichen. Die Lage habe sich verbessert – doch der Tod sei nicht verschwunden.

Militärische Eskalation: Zahlen, Ziele, Zerstörung

Russlands Verteidigungsministerium meldete jüngst Angriffe auf Energieanlagen, die den ukrainischen militärisch-industriellen Komplex stützen sollen. Gleichzeitig seien Dutzende Raketen und Drohnen abgefangen worden. Kiew widerspricht mit eigenen Zahlen: Die ukrainische Luftwaffe habe den Großteil der nächtlichen Drohnen abgeschossen, darunter Systeme vom Typ Shahed und Gerbera.

Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Energie und kritische Infrastruktur seien zum Hauptziel russischer Angriffe geworden. Innerhalb einer Woche seien mehr als 1.700 Angriffsdrohnen, 1.380 Gleitbomben und Dutzende Raketen eingesetzt worden. Die ukrainischen Streitkräfte melden intensive Gefechte entlang mehrerer Achsen, besonders heftig um Pokrowsk, sowie Abwehr russischer Vorstöße bei Charkiw, Saporischschja und Donezk.

Städte im Fadenkreuz

In Slowjansk tötete eine russische Gleitbombe ein Ehepaar; ihr Sohn wurde verletzt. In Odessa kamen bei einem massiven Drohnenangriff weitere Menschen ums Leben, Wohnhäuser, Infrastruktur und sogar eine Kirche wurden beschädigt. Rettungskräfte kämpften stundenlang gegen Brände und suchten Verschüttete. Odessa, mit seinem strategischen Schwarzmeerhafen, bleibt ein zentrales Ziel.

Dunkelheit über Charkiw und Kyjiw

Raketen- und Drohnenangriffe legten große Teile der Stromversorgung lahm. In Charkiw waren zeitweise rund 80 Prozent der Stadt ohne Elektrizität, bei eisigen Temperaturen. Schulen wurden beschädigt, ganze Viertel versanken im Dunkeln. Auch Kyjiw erlebte seit Jahresbeginn mehrere großangelegte Luftangriffe mit Ausfällen bei Strom und Heizung.

Eine zweite Front: Getäuschte Afrikaner im russischen Krieg

Abseits der bekannten Schlachtfelder offenbart sich eine weitere, dunkle Dimension des Krieges. Zwischen harmlosen Online-Stellenanzeigen und schlammigen Schützengräben verschwindet die Grenze zwischen Hoffnung und Tod. Hunderte junge Männer aus afrikanischen Staaten wurden mit Versprechen auf Arbeit nach Russland gelockt – und endeten als Kanonenfutter.

Von Nairobi nach St. Petersburg – und direkt an die Front

Ein investigativer Bericht zeigt, wie Rekrutierungsnetzwerke – lokal wie international – Männer aus Kenia, Uganda und anderen Ländern anwarben. Nach der Ankunft wurden sie gezwungen, Dokumente in russischer Sprache zu unterschreiben, erhielten Militärpapiere und Waffen ohne Ausbildung. Innerhalb von Tagen ging es an die Front.

Ein Betroffener schildert, wie er in drei Monaten den Auftrag erhielt, Drohnen abzuschießen – ohne zu wissen, wie man richtig schießt. Ein Begleiter starb bei einem Kamikaze-Drohnenangriff. Seine Flucht zur Botschaft war pures Glück.

Berichte über Misshandlung und Rassismus

Videos deuten darauf hin, dass afrikanische Soldaten als „menschliche Schutzschilde“ oder für Selbstmordmissionen missbraucht wurden. In einem Clip wird einem Mann ein Panzerabwehrsprengsatz umgeschnallt, er soll unter Waffengewalt vorrücken. Spott und entmenschlichende Sprache begleiten die Szene.

Offiziellen Schätzungen zufolge kämpfen mehr als 1.400 Afrikaner auf russischer Seite, viele gelten als vermisst oder gefangen. Angehörige berichten von letzten Abschiedsnachrichten, ohne je eine offizielle Bestätigung über das Schicksal ihrer Söhne zu erhalten.

Systematische Ausnutzung von Armut

Sicherheitsanalysten sehen ein kalkuliertes Vorgehen: Hohe Arbeitslosigkeit, schwache Regulierung von Jobagenturen und die Aussicht auf Einkommen machen junge Männer verwundbar. Für Moskau ist es eine kostengünstige Methode, Personal zu gewinnen – mit minimaler Ausbildung und maximalem Risiko für die Rekrutierten.

Fazit

Der Krieg in der Ukraine ist längst mehr als ein konventioneller Konflikt. Er frisst sich in den Alltag der Zivilbevölkerung, verwandelt Straßen in Schutzkorridore und Städte in Dunkelzonen. Gleichzeitig zieht er Menschen aus anderen Kontinenten hinein – durch Täuschung, Zwang und Ausbeutung. Netze über Straßen mögen Drohnen abwehren, doch sie können die menschlichen Kosten dieses Krieges nicht aufhalten.

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