Teilzeit-Arbeit in Deutschland: Gefahr für die Wirtschaft?

Berlin – Ein wachsender Teil der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland entscheidet sich bewusst für eine Beschäftigung in Teilzeit. Was für viele Arbeitnehmer ein Gewinn an Lebensqualität bedeutet, sorgt bei Politikern und Ökonomen zunehmend für Besorgnis. Angesichts eines sich verschärfenden Fachkräftemangels stellt sich die Frage: Arbeitet Deutschland zu wenig – und wenn ja, wie lässt sich das ändern?

Politischer Streit um das Recht auf Teilzeit

Besonders kontrovers wird derzeit ein Vorschlag aus der CDU diskutiert. Eine parteiinterne Gruppe fordert, das Recht auf Teilzeitarbeit stärker zu begrenzen. Begründet wird dies mit der hohen Zahl von Teilzeitbeschäftigten in einem Land, das gleichzeitig über fehlende Fachkräfte klagt.

Nach massiver Kritik ruderte die Partei jedoch zurück. Der überarbeitete Vorschlag blieb bewusst vage und spricht lediglich von einer „Regulierung“ von Teilzeitansprüchen – ohne konkrete Maßnahmen zu benennen.

Unklare Reformpläne und soziale Leistungen

Wie das ARD-Studio Berlin berichtet, richtet sich der Fokus vor allem auf Arbeitnehmer, die trotz Teilzeitbeschäftigung staatliche Leistungen wie Wohngeld oder Kindergeld beziehen. Künftig könnten reduzierte Arbeitszeiten stärker an bestimmte Voraussetzungen geknüpft werden.

Gedacht ist dabei insbesondere an Gründe wie Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder Weiterbildung. Ob jedoch künftig alle Beschäftigten ihre Teilzeitentscheidung begründen müssen, ist bislang offen.

Mehr Kinderbetreuung statt Zwang

Ein zentraler Punkt des Vorschlags ist der Ausbau von Betreuungsangeboten. Ziel ist es, Eltern – insbesondere Müttern – den Übergang in eine Vollzeitbeschäftigung zu erleichtern. Ergänzend werden flexible Arbeitszeitmodelle sowie steuerliche Anreize für Mehrarbeit diskutiert.

Die „Tagesschau“ bewertet diesen Kurs als politischen Kompromiss, der vor allem im Vorfeld der Bundestagswahl im März eine Eskalation mit teilzeitbeschäftigten Wählern vermeiden soll.

Arbeiten die Deutschen wirklich zu wenig?

Laut Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) steht Deutschland vor einem massiven demografischen Problem. „In den kommenden 15 Jahren verlieren wir allein durch Alterung rund sieben Millionen Arbeitskräfte“, erklärte Weber gegenüber der ARD.

Er betont zwar die Notwendigkeit längerer Arbeitszeiten, warnt jedoch davor, diese politisch vorzuschreiben. Entscheidend seien bessere Rahmenbedingungen, gezielte Anreize und unterstützende Strukturen.

Demografischer Wandel als Haupttreiber

Auch Dominik Groll vom Kiel Institut für Weltwirtschaft sieht den Trend zur Teilzeit im Kontext des demografischen Wandels. Mit dem Ruhestand der Babyboomer schrumpfe das Arbeitskräfteangebot, während die Nachfrage stabil bleibe.

Nach Angaben der OECD liegt die durchschnittliche Arbeitszeit pro Beschäftigtem in Deutschland deutlich unter dem internationalen Vergleich – und ist in den vergangenen 20 Jahren spürbar gesunken.

Mehr Beschäftigte – aber kürzere Arbeitszeiten

Robert Grundke, Leiter des OECD-Büros in Deutschland, verweist darauf, dass in den letzten Jahren viele Frauen und ältere Menschen neu in den Arbeitsmarkt eingetreten seien. Dieser Effekt habe das Wirtschaftswachstum lange gestützt.

Doch gerade diese Gruppen arbeiten häufig nicht in Vollzeit. Die Herausforderung bestehe nun darin, Anreize zu schaffen, um das Arbeitsvolumen zu erhöhen – ohne soziale Rückschritte zu verursachen.

Teilzeitquote auf Rekordniveau

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Immer mehr Studierende sind berufstätig. Nach Angaben des IAB lag die Teilzeitquote in Deutschland im dritten Quartal 2025 bei über 40 Prozent – ein historischer Höchststand.

Damit steht Deutschland vor einem Dilemma: Einerseits steigt die Erwerbsbeteiligung, andererseits sinkt das gesamte Arbeitsstundenvolumen. Die politische Antwort darauf dürfte die Arbeitsmarktdebatte der kommenden Jahre prägen.

Quellen und weiterführende Links

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