Syrien: Warum Aleppo erneut zum Brennpunkt wird

Am 7. Januar erklärte die syrische Militärführung sämtliche Stellungen der
Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in den Aleppoer Vierteln
Sheikh Maqsoud, Aschrafiya und Bani Zaid zu legitimen militärischen Zielen.
Auslöser war ein Angriff der SDF auf ein Armeefahrzeug nahe dem Kreisverkehr
al-Lairamoun, bei dem ein Soldat getötet wurde.

Dritte Eskalation binnen sechs Monaten

Die aktuelle Eskalation ist bereits die dritte innerhalb eines halben Jahres.
Während frühere Konfrontationen im September und Dezember 2025 durch
Vermittlungsbemühungen entschärft werden konnten, nahm die jüngste Runde
eine deutlich härtere militärische Dynamik an.

Begleitet wurde die Offensive von der Öffnung humanitärer Korridore für
Zivilisten – ein Signal dafür, dass Damaskus von einer kurzfristigen
Militäroperation zu einer strategischen Neuordnung übergeht.

Historische Bedeutung der betroffenen Stadtviertel

Die Viertel Sheikh Maqsoud, Aschrafiya und Bani Zaid zählen zu den sozial
durchmischten Stadtteilen Aleppos. Vor dem Krieg lebten dort schätzungsweise
bis zu 200.000 Menschen – Kurden, Araber und Turkmenen.

Seit 2012 etablierte sich dort die kurdische YPG, der militärische Kern der SDF,
ohne direkte Konfrontation mit dem damaligen Assad-Regime. Experten sehen darin
Teil informeller Absprachen, um den kurdischen Raum zu kontrollieren und
regionalen Druck – insbesondere auf die Türkei – auszuüben.

Der Wendepunkt: Das Abkommen von April 2025

Im April 2025 schloss die syrische Regierung ein Abkommen mit der SDF, das den
Rückzug schwerer Waffen, die administrative Unterstellung der Viertel unter die
Stadt Aleppo sowie eine schrittweise Integration der Sicherheitsstrukturen
vorsah.

Doch wiederholte Verstöße – darunter der Einsatz von Mörsern und gepanzerten
Fahrzeugen – untergruben das Vertrauen. Für Damaskus wurde Aleppo zunehmend zu
einem innenpolitischen Risiko, da die Stadt als wirtschaftliches Herz Syriens
gilt.

Warum Damaskus nun militärisch handelt

Nach monatelangen, ergebnislosen Gesprächen zwischen Präsident Ahmed al-Scharaa
und SDF-Chef Mazlum Abdi verlor die Regierung die Geduld. Die Forderung der SDF,
ihre militärischen Strukturen als geschlossene Einheit in den Staat zu
integrieren, galt in Damaskus als rote Linie.

Hinzu kamen Vorwürfe, wonach SDF-Einheiten weiterhin ehemalige Offiziere des
Assad-Regimes rekrutierten – ein Punkt, der das ohnehin fragile Vertrauen
zusätzlich belastete.

Gezielte Militäroperation statt Großoffensive

Am 8. Januar kündigte das syrische Militär eine „präzise Operation“ an.
Schwerpunkt war das hochgelegene Viertel Aschrafiya, von dem aus zentrale
Verbindungsstraßen und Handelsrouten Richtung Türkei kontrolliert werden können.

Nach stundenlangen Gefechten rückten Regierungstruppen vor, während parallel
Verhandlungen über einen gesicherten Abzug verbliebener SDF-Kämpfer aus Sheikh
Maqsoud begannen.

Was kommt nach Aleppo?

Beobachter gehen davon aus, dass weder Damaskus noch die SDF eine landesweite
Eskalation anstreben. Die USA, als Garant des Abkommens vom 10. März 2025, drängen
auf eine Rückkehr an den Verhandlungstisch.

Auffällig bleibt jedoch die Zurückhaltung Washingtons während der Operation.
Für die SDF könnte dies ein Warnsignal sein, dass der politische Rückhalt nicht
mehr uneingeschränkt ist.

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