Debatte um deutsches Gold: Forderungen nach Rückholung aus den USA nehmen zu

Berlin – In Deutschland gewinnen Forderungen an Gewicht, einen Teil der nationalen Goldreserven aus den Vereinigten Staaten zurückzuholen. Hintergrund sind die wachsenden geopolitischen Spannungen, das sich verändernde transatlantische Verhältnis sowie die Unberechenbarkeit der Politik des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump.

Konkret geht es um rund 1.236 Tonnen Gold, die derzeit bei der US-Notenbank in New York lagern. Mehrere Ökonomen und politische Stimmen halten es zunehmend für riskant, einen so großen Teil der deutschen Währungsreserve außerhalb Europas zu verwahren.

Ökonomische Warnungen vor geopolitischen Risiken

Einer der prominentesten Befürworter einer Rückführung ist Emanuel Mönch, ehemaliger Forschungsdirektor der Deutschen Bundesbank. In einem Interview mit der Wirtschaftszeitung Handelsblatt erklärte er, dass die Lagerung deutscher Goldbestände in den USA unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen ein erhebliches Risiko darstelle.

Angesichts der globalen Unsicherheiten sei es aus seiner Sicht sinnvoll, die strategische Unabhängigkeit Deutschlands zu stärken. Die Bundesbank solle daher prüfen, ob eine schrittweise Rückholung der Goldreserven nicht geboten sei.

Regierung zeigt sich bislang zurückhaltend

Die Bundesregierung reagiert bislang vorsichtig auf diese Forderungen. Ein Sprecher der Koalitionsregierung von Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte jüngst, dass eine Rückführung der Goldreserven derzeit nicht auf der politischen Agenda stehe.

Dennoch reiht sich Mönch in eine wachsende Zahl von Experten ein, die die aktuelle Diskussion als Teil einer umfassenderen Debatte über die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Eigenständigkeit Deutschlands betrachten.

Grönland-Debatte als zusätzlicher Auslöser

Für zusätzliche Brisanz sorgten zuletzt Aussagen aus den USA zur möglichen Annäherung an Grönland. Michael Jäger, Präsident des Europäischen Steuerzahlerbundes, sieht darin ein Warnsignal. Er betonte, dass unvorhersehbare politische Entscheidungen Washingtons das Vertrauen in die Sicherheit deutscher Vermögenswerte untergraben könnten.

In Gesprächen mit der Rheinischen Post erklärte Jäger, Deutschland müsse sich fragen, ob der Zugriff auf seine Goldreserven im Krisenfall jederzeit gewährleistet sei. Bereits im vergangenen Jahr habe er das Bundesfinanzministerium und die Bundesbank schriftlich zur Rückholung des Goldes aufgefordert.

Vom Randthema zur breiten politischen Debatte

Lange Zeit war die Forderung nach einer Rückführung der Goldreserven vor allem ein Anliegen der rechtspopulistischen AfD. Inzwischen findet das Thema jedoch auch Eingang in den politischen Mainstream.

So sprach sich Katharina Beck, finanzpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, dafür aus, Gold nicht als geopolitisches Druckmittel missbrauchbar zu machen. Goldreserven seien eine zentrale Säule von Stabilität und Vertrauen und müssten entsprechend abgesichert werden.

Warnungen vor unbeabsichtigten Folgen

Kritische Stimmen kommen unter anderem vom Präsidenten des Ifo-Instituts, Clemens Fuest. Er warnte davor, dass eine Rückführung mehr Schaden als Nutzen anrichten könne. Eine solche Maßnahme könnte die bestehenden Spannungen weiter verschärfen und politische Signale senden, die international missverstanden würden.

Wo lagert Deutschlands Gold?

Nach Angaben der Bundesbank befinden sich rund 1.710 Tonnen Gold in Frankfurt am Main. Weitere 1.236 Tonnen – etwa 37 Prozent der gesamten Reserven – lagern bei der Federal Reserve in New York. Die restlichen 405 Tonnen werden bei der Bank of England in London aufbewahrt.

Der Gesamtwert der deutschen Goldreserven beläuft sich auf rund 450 Milliarden Euro. Mit insgesamt etwa 3.352 Tonnen verfügt Deutschland über die zweitgrößten Goldreserven weltweit – nach den Vereinigten Staaten.

Bundesbank mahnt zur Ruhe

Bundesbankpräsident Joachim Nagel versuchte zuletzt, Sorgen zu zerstreuen. Bei den Herbsttagungen des Internationalen Währungsfonds in Washington erklärte er, es gebe keinen Anlass zur Beunruhigung hinsichtlich der Sicherheit der deutschen Goldbestände.

Auch die SPD-Finanzpolitikerin Frauke Heiligenstadt betonte, dass die Reserven gut diversifiziert seien. Da ein großer Teil des Goldes in Deutschland lagert, sei die Handlungsfähigkeit der Bundesbank jederzeit gewährleistet.

Wachsende Skepsis gegenüber den USA

Dennoch wächst parteiübergreifend die Skepsis gegenüber der langfristigen Verlässlichkeit der USA als Partner. Die Düsseldorfer Ökonomieprofessorin Ulrike Nier erklärte, dass die politische Entwicklung in den Vereinigten Staaten das Vertrauen nachhaltig erschüttert habe.

Vor diesem Hintergrund dürfte die Debatte um das deutsche Gold auch in den kommenden Monaten an Intensität gewinnen – als Symbol für wirtschaftliche Souveränität und geopolitische Neuorientierung.

Weiterführende Berichte & Hintergrundanalysen

Für eine vertiefte Einordnung der Debatte um Deutschlands Goldreserven und die wachsenden geopolitischen Spannungen empfiehlt sich dieser umfassende Hintergrundbericht:

Deutschlands Goldreserven unter Druck
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Auch die wirtschaftlichen Folgen politischer Unsicherheiten spiegeln sich zunehmend in aktuellen Arbeitsmarkt- und Gesundheitsdaten wider, wie diese Analyse zeigt:

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Welche Rolle Europa künftig zwischen den Machtblöcken USA und China spielen wird, beleuchtet dieser strategische Kommentar:

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