Unternehmensinsolvenzen in Deutschland erreichen Elfjahreshoch

Wirtschaft – Die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland hat in den
ersten drei Quartalen dieses Jahres einen alarmierenden Höchststand erreicht.
Nach aktuellen Daten liegt das Niveau so hoch wie seit elf Jahren nicht mehr.
Besonders betroffen sind kleine und mittlere Unternehmen – das Rückgrat der
deutschen Wirtschaft.

Die Entwicklung wirft zentrale Fragen auf:
Wer leidet am stärksten unter der aktuellen Insolvenzwelle?
Und gibt es realistische Chancen auf eine wirtschaftliche Entspannung in
absehbarer Zeit?

„Die Insolvenzwelle rollt weiter“

„Die Insolvenzwelle ist noch nicht gebrochen“, erklärte Volker Treier,
Chefanalyst der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK),
gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.
Vor allem kleine und mittlere Betriebe stünden zunehmend unter Druck.

Eine aktuelle Umfrage der DIHK zeigt,
dass rund ein Drittel der Unternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten
eine weitere Verschlechterung ihrer Geschäftslage befürchtet.
Diese Gruppe macht etwa 85 Prozent aller Unternehmen in Deutschland aus –
und ist damit besonders systemrelevant.

Offizielle Zahlen: Höchster Stand seit elf Jahren

Am Freitag, dem 12. Dezember, veröffentlichte das Statistische Bundesamt
neue Insolvenzdaten:
Bis Ende September registrierten deutsche Gerichte
18.125 Unternehmensinsolvenzen.
Das entspricht einem Anstieg von rund 12 Prozent
gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Damit erreichen die Firmenpleiten in den ersten drei Quartalen 2025
den höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt.

Je kleiner das Unternehmen, desto höher das Risiko

Nach Einschätzung von Professor Steffen Müller,
Leiter der Insolvenzforschung am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle,
trifft die Krise vor allem sehr kleine Betriebe.

„Insolvenzen entstehen überwiegend im Segment der kleinen Unternehmen“,
erklärte Müller im Gespräch.
Der durchschnittliche Betrieb verfüge über rund zehn Beschäftigte –
viele seien jedoch noch deutlich kleiner.

Auch private Insolvenzen nehmen zu

Die Entwicklung beschränkt sich nicht nur auf Unternehmen.
Auch die Zahl der Verbraucherinsolvenzen steigt erneut an.

In den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres wurden
57.824 private Insolvenzen gezählt –
ein Plus von mehr als acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Obwohl vor allem kleine Firmen betroffen sind,
hat die steigende Zahl von Insolvenzen
spürbare Folgen für den Arbeitsmarkt.

Laut Berechnungen des Leibniz-Instituts
sind in diesem Jahr rund 170.000 Arbeitsplätze
direkt oder indirekt betroffen.
Vor der Corona-Pandemie lag dieser Wert bei unter 100.000.

Der Arbeitsmarktexperte Klaus-Heiner Röhl
vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln
mahnt jedoch zur Einordnung:
Insolvenzen erhöhten die Arbeitslosigkeit zwar leicht,
ein dramatischer Effekt sei jedoch nicht zu beobachten.

2025 sogar bis zu 200.000 Jobs gefährdet

Steffen Müller sieht die Lage etwas kritischer.
Nach seinen Prognosen könnten im Jahr 2025
bis zu 200.000 Arbeitsplätze betroffen sein –
fast doppelt so viele wie in den Jahren vor der Pandemie.

Zwar würden viele dieser Stellen tatsächlich wegfallen,
doch entstünden parallel neue Arbeitsplätze in wirtschaftlich stabileren Unternehmen.
Insolvenzen seien daher auch Teil eines marktwirtschaftlichen
Bereinigungsprozesses.

War diese Entwicklung absehbar?

Überraschend kommt der Anstieg für die meisten Experten nicht.
„Ein Anstieg war zu erwarten,
doch das Ausmaß hat selbst uns überrascht“,
sagte Müller.

Auch Röhl sieht keine plötzliche Trendwende:
Die anhaltende wirtschaftliche Schwäche,
nahezu drei Jahre Stagnation,
sei der zentrale Treiber der aktuellen Lage.

Hohe Energiepreise und geopolitische Risiken

Zu den strukturellen Belastungen zählen
die hohen Energiepreise,
die Folgen des Ukraine-Krieges,
der Umbau zur Klimaneutralität
sowie globale Handelskonflikte.

Gleichzeitig warnt Röhl davor,
die Ursachen allein der Politik zuzuschreiben:
Auch unternehmerische Fehlentscheidungen,
verzögerte Anpassungen
und interne Konflikte spielten eine Rolle.

Insolvenzen haben meist mehrere Ursachen

Für Steffen Müller ist klar:
Es gibt selten nur einen Auslöser.
Oft führen falsche Produktstrategien,
Managementkonflikte,
Finanzierungsprobleme
und externe Schocks gemeinsam in die Insolvenz.

„Gesunde, gut aufgestellte Unternehmen
verlassen den Markt in der Regel nicht allein
wegen schlechter Rahmenbedingungen“,
so Müller.

Ein schwacher Hoffnungsschimmer

Die deutsche Insolvenzverwaltervereinigung
spricht dennoch von einer gewissen Stabilisierung.
Man befinde sich zwar auf hohem Niveau,
aber nicht in einer neuen Eskalationsphase.

Sollte die Wirtschaft 2026 tatsächlich um rund ein Prozent wachsen,
könnte die Zahl der Insolvenzen langsam zurückgehen –
so die vorsichtige Hoffnung vieler Ökonomen.

Fazit

Die Insolvenzwelle zeigt,
wie fragil die wirtschaftliche Lage vieler Unternehmen geworden ist.
Besonders kleine Betriebe stehen unter massivem Druck.

Ob sich die Lage entspannt,
hängt entscheidend von Konjunktur,
Energiepreisen
und geopolitischer Stabilität ab.
Eine schnelle Entwarnung ist jedoch nicht in Sicht.

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