Hoher Krankenstand: Merz stellt Praxis infrage
Berlin – Der hohe Krankenstand in Deutschland hat eine neue politische Debatte ausgelöst. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußerte Zweifel an der weiterhin erlaubten telefonischen Krankschreibung und brachte eine Neubewertung des Instruments ins Spiel.
Im Rahmen des Wahlkampfs zur Landtagswahl in Baden-Württemberg erklärte Merz, man müsse mit dem Koalitionspartner SPD darüber sprechen, ob die seit der Corona-Pandemie bestehende Regelung noch zeitgemäß sei.
Fast drei Wochen krank pro Jahr
Nach Angaben des Kanzlers kommen Beschäftigte in Deutschland im Durchschnitt auf 14,5 Krankentage jährlich. „Das sind fast drei Wochen, in denen nicht gearbeitet wird. Die Frage ist: Ist das notwendig?“, so Merz bei einer Veranstaltung in Bad Rappenau.
Aus seiner Sicht müsse die Politik Anreize schaffen, um die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu steigern. Die telefonische Krankschreibung sei dabei ein möglicher Ansatzpunkt.
„Während Corona sinnvoll – heute noch?“
Merz betonte, dass die Regelung während der Pandemie gerechtfertigt gewesen sei. Ob sie jedoch weiterhin Bestand haben müsse, sei offen. Ziel sei es, eine höhere Produktivität zu erreichen, ohne den Sozialstaat infrage zu stellen.
Scharfe Kritik aus SPD, Grünen und Opposition
Die Aussagen des Kanzlers stießen parteiübergreifend auf Widerstand. Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sprach von einer „Gängelei der Kranken“ und warnte davor, Erkrankte unter Generalverdacht zu stellen.
Eine Senkung des Krankenstands könne nur durch Prävention erreicht werden – etwa durch Früherkennung von Krankheiten, bessere Gesundheitsvorsorge und strukturelle Maßnahmen.
Auch Janis Ehling, Bundesgeschäftsführer der Linken, widersprach Merz deutlich. Wer über Fehlzeiten rede, müsse auch über Überlastung, Personalmangel und gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen sprechen.
Grüne fordern bessere Rahmenbedingungen
Grünen-Chefin Franziska Brantner räumte zwar ein, dass Deutschland wirtschaftlich mehr Arbeitsleistung brauche. Voraussetzung dafür seien jedoch verlässliche Rahmenbedingungen – etwa funktionierende Kinderbetreuung und planbare Arbeitszeiten.
BSW: Falscher Fokus der Regierung
Kritik kam auch vom BSW. Parteichef Fabio De Masi warf der Bundesregierung vor, die Verantwortung auf Beschäftigte abzuwälzen. Das eigentliche Problem liege in hohen Energiepreisen, maroder Infrastruktur und einer verfehlten Wirtschaftspolitik.
Statistik erklärt Teil des Anstiegs
Nach Daten des Statistischen Bundesamts waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Jahr 2024 durchschnittlich 14,8 Tage krankgemeldet – rund 3,6 Tage mehr als 2021.
Ein Teil dieses Anstiegs sei laut Bundesamt auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Anfang 2022 zurückzuführen, wodurch Krankmeldungen vollständiger erfasst würden.
AOK-Studie sieht keinen Missbrauch
Eine Studie der Krankenkasse AOK aus dem Jahr 2025 widerspricht der Missbrauchsthese. Demnach gebe es keine Hinweise auf systematischen Fehlgebrauch der telefonischen Krankschreibung.
Drei von vier Befragten bewerteten die Regelung als sinnvoll, da sie Arztbesuche bei leichten Erkrankungen vermeide und Infektionsrisiken reduziere.
Koalitionsvertrag setzt auf Korrekturen
Trotzdem fordern Union und Arbeitgeberverbände seit Längerem Einschränkungen. CSU-Chef Markus Söder sprach zuletzt von der Notwendigkeit, „Blaumachen zu reduzieren“.
Im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist jedoch keine Abschaffung vorgesehen, sondern eine gezielte Anpassung, um Missbrauch – etwa durch private Online-Plattformen – auszuschließen.
Fazit: Politischer Streit mit gesellschaftlicher Sprengkraft
Die Diskussion um die telefonische Krankschreibung zeigt einen grundlegenden Konflikt: zwischen wirtschaftlichem Leistungsdruck und sozialer Absicherung. Ob es zu Änderungen kommt, dürfte maßgeblich von den weiteren Gesprächen innerhalb der Koalition abhängen.
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