Alarmierende Studie: Vertrauen in Demokratie in Deutschland gerät ins Wanken

Eine groß angelegte Untersuchung mit rund 8.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigt ein zunehmend widersprüchliches Bild der politischen Stimmung in Deutschland. Während sich eine überwältigende Mehrheit weiterhin zur Demokratie bekennt, wächst gleichzeitig die Bereitschaft, autoritäre Ideen zumindest teilweise zu akzeptieren. Besonders alarmierend ist, dass etwa 71 Prozent der Bürgerinnen und Bürger eine negative Entwicklung der Demokratie wahrnehmen und sich ernsthaft um deren Zukunft sorgen.

Die Ergebnisse stammen aus dem sogenannten „Deutschland-Monitor“, einer jährlich durchgeführten Studie, die seit 2023 die politische Stimmungslage untersucht. Präsentiert wurden die Resultate in Berlin von Elisabeth Kaiser, der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland.

Grauzone zwischen Demokratie und autoritären Vorstellungen

Die Forschenden stellten nicht nur direkte Fragen zu Demokratie oder Diktatur. Vielmehr untersuchten sie auch indirekte Einstellungen, um jene „Grauzone“ sichtbar zu machen, in der autoritäre Haltungen entstehen können, ohne offen antidemokratisch zu erscheinen.

So stimmten 31 Prozent der Befragten der Aussage zu, Deutschland brauche „eine starke Partei, die den Willen des gesamten Volkes verkörpert“. Weitere 23 Prozent äußerten zumindest teilweise Zustimmung. In Ostdeutschland lag die vollständige Zustimmung sogar bei 35 Prozent, während 26 Prozent teilweise zustimmten.

Auch die Idee einer starken Führungspersönlichkeit, die politische Entscheidungen unabhängig vom Parlament trifft, fand Unterstützung. Bundesweit befürworteten 11 Prozent diese Vorstellung vollständig, weitere 21 Prozent zumindest teilweise.

„Diktatur unter bestimmten Umständen“

Besonders aufschlussreich ist die Haltung zur Aussage, dass unter bestimmten Bedingungen eine Diktatur die bessere Staatsform sein könne. Bundesweit unterstützten vier Prozent diese These vollständig, sieben Prozent teilweise. In Ostdeutschland lagen die Werte höher: sechs Prozent vollständige Zustimmung und zwölf Prozent teilweise Zustimmung.

Diese Zahlen zeigen, dass eine kleine, aber nicht zu unterschätzende Minderheit offen für autoritäre Alternativen bleibt — selbst in einer gefestigten Demokratie.

Hohe Zustimmung zur Demokratie — aber geringe Zufriedenheit

Paradox erscheint, dass gleichzeitig 98 Prozent der Befragten grundsätzlich die Demokratie unterstützen und 89 Prozent eine Diktatur klar ablehnen. Dennoch äußerten nur 60 Prozent Zufriedenheit mit der Funktionsweise der Demokratie. In Ostdeutschland liegt dieser Wert sogar nur bei 51 Prozent.

Diese Diskrepanz deutet darauf hin, dass viele Menschen zwar an demokratischen Prinzipien festhalten, aber das politische System als ineffizient, ungerecht oder abgehoben empfinden.

Soziale Ungleichheit als zentraler Faktor

Laut Elisabeth Kaiser hängt die sinkende Zufriedenheit stark mit wahrgenommenen sozialen Ungleichheiten zusammen. Viele Bürgerinnen und Bürger fühlen sich wirtschaftlich unsicher oder fürchten sozialen Abstieg.

Sie betonte, dass politische Maßnahmen stärker auf soziale Gerechtigkeit ausgerichtet werden müssten, um Vertrauen zurückzugewinnen. Menschen benötigten Perspektiven und das Gefühl, dass Veränderungen nicht nur notwendig, sondern auch machbar seien.

Unterschiedliche Einstellungen zum gesellschaftlichen Wandel

Ein weiterer Schwerpunkt der Studie war die Bereitschaft der Bevölkerung, gesellschaftliche Veränderungen zu akzeptieren. Nur 23 Prozent sehen Wandel klar als Chance. Die Mehrheit von 52 Prozent betrachtet ihn ambivalent — mit sowohl positiven als auch negativen Aspekten.

Rund 26 Prozent stehen Veränderungen überwiegend kritisch gegenüber und konzentrieren sich vor allem auf mögliche Risiken. Diese Haltung ist besonders in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands verbreitet.

Bereitschaft zu persönlichen Opfern — mit Ausnahmen

In Bereichen wie Verteidigung, Wirtschaft, Digitalisierung, Demografie, Klimaschutz und Migration zeigen viele Deutsche grundsätzlich Bereitschaft, persönliche Belastungen zu akzeptieren. Allerdings gibt es eine deutliche Ausnahme: 58 Prozent lehnen längere Arbeitszeiten ab, selbst wenn diese notwendig wären, um das Rentenniveau angesichts der alternden Gesellschaft zu sichern.

Dies verdeutlicht, dass Reformen zwar akzeptiert werden können, solange sie nicht unmittelbar in den eigenen Alltag eingreifen.

Ein Warnsignal für Politik und Gesellschaft

Die Ergebnisse der Studie zeichnen ein komplexes Bild: Die Demokratie wird grundsätzlich unterstützt, doch ihr konkretes Funktionieren stößt auf wachsende Skepsis. Autoritäre Sehnsüchte bleiben zwar Minderheitspositionen, gewinnen jedoch in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen an Boden.

Für Politik und Zivilgesellschaft bedeutet dies ein klares Warnsignal. Ohne sichtbare Verbesserungen bei sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftlicher Sicherheit und politischer Teilhabe könnte das Vertrauen weiter erodieren.

Letztlich zeigt die Untersuchung, dass demokratische Stabilität nicht selbstverständlich ist. Sie hängt entscheidend davon ab, ob Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, dass ihre Stimme zählt und das System ihre Lebensrealität widerspiegelt.

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