Armut und soziale Ausgrenzung in Deutschland: Ein Alarmsignal für den Sozialstaat

Wiesbaden – Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeichnen ein besorgniserregendes Bild der sozialen Lage in Deutschland. Demnach waren im Jahr 2025 rund 17,6 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das entspricht 21,2 Prozent der Gesamtbevölkerung – ein Wert, der den deutschen Sozialstaat vor eine seiner größten Bewährungsproben seit Jahrzehnten stellt.

Auch wenn der Anstieg im Vergleich zum Vorjahr moderat erscheint, markieren diese Zahlen eine strukturelle Entwicklung, die zunehmend an den Grundfesten des Nachkriegs-Wohlfahrtsmodells rüttelt. Besonders alarmierend: Die Armut verfestigt sich in bestimmten Bevölkerungsgruppen und Regionen.

Stagnation auf hohem Niveau

Im Vergleich zu 2024, als der Anteil der armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Menschen bei 21,1 Prozent lag, ist der Wert nahezu unverändert geblieben. Doch Experten warnen: Eine Stabilisierung auf diesem hohen Niveau sei kein Zeichen der Entspannung, sondern vielmehr Ausdruck einer chronischen sozialen Schieflage.

Die Zahlen basieren auf den vorläufigen Ergebnissen des sogenannten Mikrozensus. Dafür wurden 47.400 Haushalte sowie 81.200 Personen über 16 Jahren zu Einkommen, Erwerbsbeteiligung und Lebensbedingungen befragt.

Wer gilt als armutsgefährdet?

Nach der Definition der Europäischen Union gilt eine Person als armutsgefährdet, wenn ihr verfügbares Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung liegt.

Für das Jahr 2025 bedeutete dies konkret:

  • Alleinlebende galten mit einem Nettoeinkommen unter 1.446 Euro monatlich als armutsgefährdet (2024: 1.381 Euro).
  • Eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag unter der Armutsgrenze bei 3.036 Euro monatlich (2024: 2.900 Euro).

Insgesamt verfügten rund 13,3 Millionen Menschen – also 16,1 Prozent der Bevölkerung – über ein Einkommen unterhalb dieser Schwelle. Im Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei 15,5 Prozent.

Besonders betroffene Bevölkerungsgruppen

Die statistische Auswertung zeigt deutliche Unterschiede zwischen einzelnen gesellschaftlichen Gruppen. Besonders hoch ist das Risiko für:

  • Alleinlebende Haushalte: 30,9 Prozent
  • Alleinerziehende Familien: 28,7 Prozent
  • Arbeitslose: 64,9 Prozent
  • Nicht erwerbstätige Personen außerhalb des Arbeitsmarkts: 33,8 Prozent
  • Rentnerinnen und Rentner: 19,1 Prozent

Diese Zahlen verdeutlichen, dass Armut in Deutschland längst kein Randphänomen mehr ist, sondern tief in der gesellschaftlichen Mitte angekommen ist.

Armut bedeutet mehr als wenig Geld

Die offizielle Kategorie „armuts- oder ausgrenzungsgefährdet“ umfasst mehr als nur ein niedriges Einkommen. Laut EU-Definition genügt es, wenn mindestens eines von drei Kriterien erfüllt ist:

  • Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle
  • Schwere materielle und soziale Entbehrungen
  • Sehr geringe Erwerbsbeteiligung im Haushalt

Viele Betroffene leiden unter eingeschränktem Zugang zu Bildung, Wohnraum, Gesundheitsversorgung und sozialer Teilhabe – Faktoren, die Armut langfristig verfestigen.

Kritik am Sozialstaat wird lauter

Die Hans-Böckler-Stiftung, die den Gewerkschaften nahesteht, sprach in einer ersten Reaktion von einem „klaren Versagen sozialpolitischer Steuerungsmechanismen“. Insbesondere steigende Mieten, hohe Energiepreise und eine unzureichende Anpassung sozialer Leistungen hätten die Lage vieler Haushalte weiter verschärft.

Auch Sozialverbände warnen davor, dass wirtschaftliches Wachstum allein nicht ausreiche, um soziale Ungleichheit abzubauen. Ohne gezielte Umverteilung und Investitionen in bezahlbaren Wohnraum drohe eine dauerhafte Spaltung der Gesellschaft.

Regionale Unterschiede bleiben bestehen

Wie frühere Erhebungen zeigen, ist die Armutsgefährdung regional ungleich verteilt. Ballungsräume mit angespannten Wohnungsmärkten sowie strukturschwache Regionen im Osten und Norden Deutschlands weisen überdurchschnittliche Quoten auf.

Gleichzeitig geraten auch ehemals stabile Mittelschichtshaushalte zunehmend unter Druck – etwa durch Teilzeitarbeit, befristete Beschäftigung oder steigende Lebenshaltungskosten.

Ein strukturelles Problem mit Langzeitfolgen

Sozialforscher warnen davor, die aktuellen Zahlen als kurzfristige Folge einzelner Krisen zu interpretieren. Vielmehr deuteten sie auf ein strukturelles Problem hin, das sich über Jahre aufgebaut habe.

Besonders problematisch sei die Situation für Kinder und Jugendliche, die in armutsgefährdeten Haushalten aufwachsen. Studien zeigen, dass sich soziale Benachteiligung häufig über Generationen hinweg fortsetzt.

Ausblick: Politischer Handlungsdruck steigt

Angesichts der aktuellen Entwicklung wächst der Druck auf die Politik, wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Diskutiert werden unter anderem:

  • eine stärkere Erhöhung des Mindestlohns
  • eine Reform der Grundsicherung
  • Investitionen in sozialen Wohnungsbau
  • gezielte Entlastungen für Familien und Alleinerziehende

Ob diese Maßnahmen ausreichen werden, um die Armutsquote nachhaltig zu senken, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind ein deutliches Warnsignal – und ein Prüfstein für die Zukunft des deutschen Sozialstaats.


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