AfD und Martin Sellner: Radikale Nähe mit politischem Kalkül

Berlin – Innerhalb der Alternative für Deutschland (AfD) zeichnen sich zunehmend Spannungen ab, nachdem führende Parteivertreter offen den Kontakt zum österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner suchen. Trotz der offiziellen Einstufung seiner „Identitären Bewegung“ als mit der Partei unvereinbar, nähern sich beide Seiten ideologisch vor allem in der Migrations- und Abschiebungspolitik weiter an.

Inszenierte Treffen und digitale Propaganda

Die Begegnungen zwischen AfD-Abgeordneten aus Brandenburg und Thüringen mit Sellner folgen einem klaren Muster: professionell produzierte Videos, KI-generierte Inhalte und medial inszenierte Gesprächsformate. In Brandenburg fanden moderierte Diskussionsrunden statt, in Thüringen parlamentarische Gespräche – organisiert mit deutlicher politischer Signalwirkung.

Beide Landesverbände gelten laut Sicherheitsbehörden als gesichert rechtsextrem. Dennoch werden die Treffen parteiintern nicht unterbunden, sondern offenbar bewusst geduldet.

Gemeinsamer Nenner: Massenabschiebungen

Zentrales Thema der Gespräche ist das Konzept der sogenannten „Remigration“. Sellner fordert offen den Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft für Migranten. AfD-Politikerinnen wie Lena Kotré aus Brandenburg greifen diese Rhetorik auf und sprechen öffentlich von Abschiebungen „bis die Startbahn brennt“ – Aussagen, die bundesweit Empörung auslösten.

Auch Social-Media-Beiträge, unter anderem von Thüringer AfD-Abgeordneten, zeigen KI-Videos, die großangelegte Abschiebungsszenarien visualisieren und gezielt emotionalisieren.

Machtkampf innerhalb der AfD

Nach Einschätzung des Politik- und Kommunikationsberaters Johannes Hillje richten sich diese Auftritte nicht nur an die Öffentlichkeit, sondern vor allem an die eigene Parteibasis. „Es geht um einen innerparteilichen Machtkampf zwischen der Bundesführung und den radikaleren Ostverbänden“, erklärt Hillje.

Während die Parteispitze offiziell um ein moderateres Image bemüht ist, setzen die ostdeutschen Landesverbände zunehmend auf ideologische Zuspitzung – offenbar in der Überzeugung, damit Wahlerfolge zu sichern.

Wer ist Martin Sellner?

Sellner zählt seit Jahren zu den einflussreichsten Akteuren der europäischen extremen Rechten. Seine Ideologie der ethnischen Homogenität richtet sich offen gegen Muslime, Migration und gesellschaftliche Vielfalt. In seiner Jugend war er in neonazistischen Kreisen aktiv, später übernahm er die Führung der „Identitären Bewegung“.

Gerichte bestätigten mehrfach, dass seine Konzepte mit dem deutschen Grundgesetz unvereinbar sind. Im Juni 2025 stellte das Bundesverwaltungsgericht klar, dass Sellners „Remigrations“-Ansatz gegen die Menschenwürde verstößt.

Erinnerung an die Massenproteste 2024

Bereits Anfang 2024 löste ein geheimes Treffen zwischen AfD-Funktionären und Sellner in Potsdam landesweite Proteste aus. Millionen Menschen demonstrierten wochenlang gegen die Partei und warnten vor einer Normalisierung extremistischer Positionen.

Seitdem steht erneut die Frage im Raum, ob ein Parteiverbotsverfahren gegen die AfD eingeleitet werden sollte – bislang ohne formellen Antrag beim Bundesverfassungsgericht.

Radikalisierung als Wahlstrategie?

In Sachsen-Anhalt strebt die AfD bei den kommenden Landtagswahlen sogar die Alleinregierung an. Das Wahlprogramm sieht massive Eingriffe in demokratische Institutionen, Medien, Kirchen und die Zivilgesellschaft vor. Kritische Einrichtungen sollen finanziell ausgetrocknet oder geschlossen werden.

Beobachter warnen: Die wachsende Nähe zu Akteuren wie Sellner könnte kurzfristig mobilisieren, langfristig jedoch die verfassungsrechtliche Isolation der Partei beschleunigen.

Fazit

Die Annäherung zwischen der AfD und Martin Sellner ist kein Zufall, sondern Teil einer bewussten Strategie einzelner Parteiflügel. Sie zeigt, wie stark sich Teile der Partei vom demokratischen Konsens entfernen – und wie offen extremistische Positionen inzwischen in den politischen Raum getragen werden.

Weiterführende Links

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