Alarmstufe Rot: Unwetter, Schnee und Polarwirbel bringen Deutschland an den Wendepunkt
Berlin / Offenbach – Deutschland erlebt einen Winter, der selbst erfahrene Meteorologen innehalten lässt. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat in mehreren Bundesländern die Alarmstufe Rot ausgerufen. Starker Schneefall, gefrierender Regen und die wachsende Unsicherheit rund um den Polarwirbel verdichten sich zu einer Wetterlage, die nicht nur den Alltag lahmlegt, sondern auch langfristige Folgen haben könnte.
Alarmstufe Rot in mehreren Bundesländern
Besonders betroffen sind aktuell Teile von Hessen und Nordrhein-Westfalen sowie weite Regionen in Niedersachsen und Bremen. Dort wurde die zweithöchste Unwetterwarnstufe des DWD aktiviert. In Hessen steht dabei der starke Schneefall im Fokus, mit Neuschneemengen von bis zu 15 Zentimetern innerhalb kurzer Zeit. In den nördlichen Bundesländern droht hingegen eine deutlich gefährlichere Kombination: gefrierender Regen und massives Glatteis.
Ab den Abendstunden verschärft sich die Lage weiter. Meteorologen warnen vor Eisregen, der sich binnen Minuten auf Straßen, Gehwegen und Stromleitungen ablagert. Der DWD spricht von einer „akuten Gefahr für Leib und Leben“ und rät dringend dazu, Aufenthalte im Freien auf das Nötigste zu beschränken.
Glatteis als größtes Risiko – Experten schlagen Alarm
Während Schneefall sichtbar und kalkulierbar erscheint, gilt Glatteis als die tückischste Form des Winterwetters. Besonders in Niedersachsen und Bremen rechnen die Wetterexperten mit einer hochgefährlichen Eisschicht, die selbst Winterdienste an ihre Grenzen bringt.
Der Rat der Behörden ist eindeutig: Autofahrer sollen nur in absoluten Ausnahmefällen unterwegs sein. Wer dennoch fahren muss, sollte vorbereitet sein – mit vollem Tank, Decken, warmen Getränken und ausreichend Zeit. Schon kleine Unfälle könnten in dieser Wetterlage zu stundenlangen Staus führen.
Frankfurter Flughafen zeitweise lahmgelegt
Die Auswirkungen des Wintereinbruchs sind bereits deutlich spürbar. Am Frankfurter Flughafen, Deutschlands größtem Luftverkehrsdrehkreuz, musste der Betrieb am Nachmittag zeitweise eingestellt werden. Zahlreiche Flüge wurden annulliert oder umgeleitet.
Auch auf den Straßen rund um Mainz und Frankfurt kam es zu chaotischen Zuständen. Polizei und Rettungskräfte meldeten eine Vielzahl von Unfällen. Ein Sprecher brachte die Lage drastisch auf den Punkt: „In und um Mainz ist die Hölle los.“
Der Blick auf die Nacht: Wo Glatteis droht
In der Nacht zum Mittwoch verlagert sich der Schwerpunkt der Gefahrenzone weiter nach Nordwesten. Ein breiter Streifen vom Emsland bis ins Weserbergland könnte von gefrierendem Regen betroffen sein. DWD-Meteorologen betonen jedoch, dass die exakte Ausdehnung dieser Zone schwer vorherzusagen ist – ein typisches Merkmal sogenannter Grenzwetterlagen.
Diese Unsicherheit macht die Situation besonders brisant. Selbst Regionen, die bislang verschont geblieben sind, könnten binnen weniger Stunden von gefährlichen Straßenverhältnissen überrascht werden.
Zweiteilung Deutschlands: Winter gegen Frühling
Auffällig ist die extreme Temperaturspreizung innerhalb des Landes. Während im Westen teils knapp zweistellige Plusgrade erreicht werden, herrscht im Norden und Nordosten strenger Frost. In Berlin wurden am Dienstag gefühlte minus 18 Grad gemessen.
Ursache dieser Zweiteilung ist eine markante Luftmassengrenze, die quer über Deutschland verläuft. Südwestlich davon dominiert vergleichsweise milde Atlantikluft, nordöstlich davon arktisch geprägte Kaltluft. Diese Konstellation gilt als äußerst stabil – und damit als potenziell langlebig.
Blockadehoch über Skandinavien als Schlüsselfaktor
Nach Angaben des DWD wird die aktuelle Wetterlage maßgeblich von einem kräftigen Hochdruckgebiet über Skandinavien gesteuert. Dieses Hoch wirkt wie eine Barriere und verhindert, dass atlantische Tiefdrucksysteme ungehindert nach Mitteleuropa ziehen können.
Gleichzeitig versucht ein Tief über dem Atlantik, diese Blockade zu unterwandern. Das Resultat ist ein meteorologisches Patt – mit Deutschland genau in der Konfliktzone. Solche Lagen können sich über Tage oder sogar Wochen halten.
Polarwirbel im Fokus: Droht ein langer Winter?
Über die kurzfristigen Unwetter hinaus rückt ein größeres Phänomen in den Mittelpunkt der Prognosen: der Polarwirbel. Dabei handelt es sich um ein großräumiges Zirkulationssystem kalter Luft in der Stratosphäre über den Polen.
Aktuelle Modellrechnungen deuten darauf hin, dass der Polarwirbel in den kommenden Wochen instabil werden könnte. In bestimmten Szenarien kommt es sogar zu einem Polarwirbelsplit – einer Teilung des Wirbels, die den Abfluss eisiger Polarluft nach Europa begünstigt.
Was ein Polarwirbelsplit für Deutschland bedeuten würde
Sollte es tatsächlich zu einer Spaltung des Polarwirbels kommen, könnten wiederholt Kaltluftvorstöße aus der Arktis nach Mitteleuropa gelangen. Die Folge wären unterdurchschnittliche Temperaturen, verbreiteter Frost und eine erhöhte Schneewahrscheinlichkeit.
Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) sieht für den Zeitraum um den 9. bis 12. Februar eine hohe Wahrscheinlichkeit für Minustemperaturen in weiten Teilen Deutschlands. Im Nordosten liegt diese Wahrscheinlichkeit in manchen Simulationen bei bis zu 95 Prozent.
Doch es gibt auch ein mildes Szenario
So dramatisch die winterlichen Prognosen klingen – sie sind nicht alternativlos. Andere Wettermodelle zeigen ein deutlich milderes Szenario. In diesem stabilisiert sich der Polarwirbel, die Westwindlage gewinnt die Oberhand, und milde Luftmassen aus Südwesten erreichen Deutschland.
In diesem Fall könnten die Temperaturen Mitte Februar auf 8 bis 14 Grad steigen, lokal sogar bis zu 16 Grad. Gleichzeitig nähmen Regen, Wind und Sturmereignisse zu – ein klassischer Wechsel vom Winterchaos zur nass-milden Unbeständigkeit.
Warum die Prognosen so unsicher sind
Meteorologen betonen, dass die Kopplung zwischen Stratosphäre und bodennahem Wetter komplex ist. Prozesse wie eine plötzliche stratosphärische Erwärmung wirken zeitverzögert und entfalten ihre Auswirkungen oft erst nach ein bis drei Wochen.
Experten schätzen die Wahrscheinlichkeit für ein ausgeprägtes Winterszenario aktuell auf etwa 30 bis 50 Prozent. Diese Bandbreite zeigt, wie offen die weitere Entwicklung noch ist.
Was Bürger jetzt beachten sollten
Unabhängig von der langfristigen Entwicklung gilt kurzfristig höchste Vorsicht. Der DWD empfiehlt, Reisen zu verschieben, Fahrzeuge winterfest auszustatten und sich regelmäßig über amtliche Warnungen zu informieren.
Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Pendler. Schon kurze Wege können bei Glatteis zur Gefahr werden. Kommunen und Winterdienste arbeiten im Dauereinsatz, stoßen jedoch bei Eisregen schnell an physikalische Grenzen.
Fazit: Deutschland zwischen Winterextrem und Wetterwende
Der aktuelle Winter markiert einen meteorologischen Scheidepunkt. Kurzfristig dominieren Schnee, Eis und Verkehrschaos. Mittelfristig entscheidet die Entwicklung des Polarwirbels darüber, ob Deutschland ein langes Winterkapitel bevorsteht – oder ob eine abrupte Wetterwende folgt.
Sicher ist nur eines: Die kommenden Tage und Wochen verlangen Aufmerksamkeit, Vorsicht und Flexibilität. Der Winter hat noch nicht das letzte Wort gesprochen.
Weiterführende Informationen
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