Eine Welt im Umbruch: Deutschlands außenpolitische Bewährungsprobe 2026
Die internationale Ordnung befindet sich in einer Phase tiefgreifender Umbrüche. Ob in den Beziehungen zu den USA, im Krieg gegen die Ukraine, im Machtkampf mit China oder im Nahen Osten – Deutschland ringt zunehmend damit, seine außenpolitische Rolle neu zu definieren. Das Jahr 2026 könnte für Berlin zu einem echten Stresstest werden.
Das Ende der Illusionen einer regelbasierten Weltordnung
Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler brachte das Dilemma jüngst auf den Punkt: Die liberale Vorstellung einer dauerhaft funktionierenden, regelbasierten Weltordnung habe sich als Illusion erwiesen. Dennoch hält die Bundesregierung am Ziel fest, Multilateralismus und internationales Recht zumindest in Teilen zu bewahren.
Außenminister Johann Wadephul warnte, Russland und China versuchten gezielt, das bestehende internationale System neu zu schreiben. Doch nicht nur autoritäre Staaten stellten die Ordnung infrage. Auch aus Washington kommen zunehmend Signale, die in Berlin für Unruhe sorgen.
USA auf Distanz: Europas sicherheitspolitische Sorgen
Besonders alarmierend ist aus deutscher Sicht die wachsende Distanz der Vereinigten Staaten in Fragen der europäischen Sicherheit. Kanzler Friedrich Merz kritisierte offen, dass selbst traditionelle Verbündete den regelbasierten Ansatz infrage stellten – eine klare Anspielung auf Präsident Donald Trump.
Ein Warnsignal lieferte Anfang Dezember General Christian Freuding, der von abgebrochenen direkten Kommunikationskanälen mit US-Militärs sprach. Für die deutsche Sicherheitsarchitektur ist dies ein heikler Moment – insbesondere angesichts der anhaltenden Bedrohung durch Russland an der NATO-Ostflanke.
Ukraine: Europäische Verantwortung wächst
Der veränderte Kurs Washingtons in der Ukraine-Frage verstärkt den Druck auf Europa. Trumps Drängen auf einen Kompromissfrieden, der Moskaus Interessen entgegenkommt, sorgt für Nervosität. Kanzler Merz versucht gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premier Keir Starmer gegenzusteuern.
Doch innenpolitische Widerstände, angespannte Haushalte und eine schwindende öffentliche Unterstützung erschweren den Kurs. Zwar betont Merz unmissverständlich die Solidarität mit Kiew, doch die Handlungsspielräume bleiben begrenzt.
China: Zwischen Abhängigkeit und Konkurrenz
Auch das Verhältnis zu China stellt Berlin vor strategische Zielkonflikte. Einerseits ist Peking ein unverzichtbarer Handelspartner, andererseits wächst die Sorge über Chinas technologische Dominanz und geopolitische Ambitionen.
Außenminister Wadephul sorgte mit deutlichen Worten zur Lage im Taiwan-Konflikt für Verstimmung in Peking. Erst intensive diplomatische Bemühungen ebneten den Weg für eine spätere China-Reise. Die deutsche Industrie bleibt jedoch stark von chinesischen Lieferketten abhängig – insbesondere bei seltenen Erden.
Israel und der Nahostkonflikt: Solidarität mit Vorbehalten
Im Umgang mit Israel verfolgt Kanzler Merz einen Kurs der kritischen Solidarität. Deutschlands historische Verantwortung bleibt Leitlinie, zugleich äußert Berlin zunehmend Bedenken über das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen.
Bemerkenswert ist eine sprachliche Nuance: Merz verzichtet auf die Formel „Israels Sicherheit ist deutsche Staatsräson“ und spricht stattdessen vom unveränderlichen Kern der deutsch-israelischen Beziehungen. Experten sehen darin keine Abkehr, wohl aber eine diplomatische Feinjustierung.
Unüberbrückbar bleibt der Dissens über die Zweistaatenlösung. Während Berlin weiterhin an ihr festhält, lehnt Israels Premier Netanjahu sie kategorisch ab. Eine Einladung nach Deutschland gilt zudem als ausgeschlossen – nicht zuletzt wegen des Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs.
Neue Allianzen für eine fragmentierte Welt
Angesichts der globalen Machtverschiebungen setzt Deutschland verstärkt auf den Ausbau bestehender Bündnisse und die Suche nach neuen Partnern. Politikwissenschaftler Johannes Varwick plädiert für einen pragmatischen Ansatz: Dialog auch mit schwierigen Akteuren und stärkere Vernetzung mit aufstrebenden Mittelmächten wie Brasilien, Mexiko oder Vietnam.
Kritiker bemängeln jedoch das langsame Tempo der deutschen Außenpolitik. Zwar sind Reformen im Auswärtigen Amt geplant, doch viele Maßnahmen kämen Jahre zu spät. Ohne eine deutliche Beschleunigung drohe Deutschland, den Anschluss an die neue geopolitische Realität zu verlieren.
Fazit
Deutschland steht vor der Herausforderung, seine außenpolitische Identität in einer Welt neu zu definieren, in der alte Gewissheiten bröckeln. Der Wille zur internationalen Verantwortung ist erkennbar – doch ob Berlin schnell genug handelt, wird über seine Rolle im Jahr 2026 entscheiden.
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