Waffenstillstand in Syrien: Damaskus und SDF einigen sich auf vollständige Integration

Damaskus – In einem Schritt von historischer Tragweite hat der syrische Präsident Ahmed al-Scharaa am Sonntagabend ein umfassendes Abkommen mit den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) unterzeichnet. Das Abkommen sieht einen sofortigen Waffenstillstand sowie die vollständige Eingliederung der SDF in die staatlichen Strukturen der Arabischen Republik Syrien vor. Vorausgegangen waren heftige Gefechte auf beiden Seiten des Euphrats, die die Region in den vergangenen Tagen erneut an den Rand einer großflächigen Eskalation brachten.

Ein sofortiger und umfassender Waffenstillstand

Nach offiziellen Angaben sieht das Abkommen einen sofortigen und umfassenden Waffenstillstand an allen Frontlinien und Kontaktpunkten zwischen der syrischen Armee und den SDF vor. Als erste vertrauensbildende Maßnahme sollen sich sämtliche militärischen Formationen der SDF aus den westlich des Euphrats gelegenen Gebieten zurückziehen. Dieser Schritt gilt als Voraussetzung für eine spätere Neuordnung der Sicherheitsarchitektur im Nordosten Syriens.

Die wichtigsten Punkte des Abkommens im Überblick

  • Unverzügliche administrative und militärische Übergabe der Provinzen Deir ez-Zor und Raqqa an die syrische Regierung.
  • Garantien der Regierung, dass Mitarbeiter der SDF und der zivilen Selbstverwaltung nicht verfolgt werden.
  • Integration aller zivilen Institutionen in der Provinz al-Hasaka in die staatlichen Verwaltungsstrukturen.
  • Übernahme sämtlicher Grenzübergänge sowie der Öl- und Gasfelder durch den syrischen Staat.
  • Individuelle Eingliederung aller SDF-Kämpfer in die Strukturen des Verteidigungs- und Innenministeriums.
  • Verpflichtung der SDF-Führung, keine Angehörigen des früheren Assad-Regimes aufzunehmen und entsprechende Namenslisten zu übergeben.

US-Vermittlung und diplomatische Dynamik

Bereits wenige Stunden vor der Unterzeichnung hatte Präsident al-Scharaa den US-Sondergesandten für Syrien, Tom Barrack, in Damaskus empfangen. Nach dem Treffen erklärte der Präsident, dass „alle offenen Fragen mit den SDF gelöst werden“, und kündigte die Rückkehr staatlicher Institutionen in die östlichen und nordöstlichen Provinzen an.

Ein geplantes Treffen mit dem SDF-Oberbefehlshaber Mazlum Abdi musste kurzfristig verschoben werden. Als Grund wurden schlechte Wetterbedingungen genannt. Dennoch bestätigten beide Seiten später telefonische Kontakte und sprachen von einer „positiven Atmosphäre“.

Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur SANA bekräftigte Präsident al-Scharaa gegenüber dem US-Gesandten die Einheit und territoriale Integrität Syriens sowie die Bedeutung des Dialogs in der aktuellen Phase. Zudem sei eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Damaskus und Washington Thema des Treffens gewesen.

Treffen in Erbil und regionale Vermittlung

Dem Durchbruch gingen intensive regionale Gespräche voraus. Bereits am Samstag hatte in Erbil ein hochrangiges Treffen zwischen dem kurdischen Führer Masud Barzani, SDF-Chef Mazlum Abdi und dem US-Gesandten Barrack stattgefunden. Dabei ging es vor allem um die Zukunft der kurdisch kontrollierten Gebiete und die Umsetzung früherer Vereinbarungen.

Die Selbstverwaltung der SDF erklärte am Sonntag ihre Bereitschaft, „alle offenen Fragen durch Dialog zu lösen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern“. Gleichzeitig forderte sie die syrische Regierung auf, politischen Lösungen Vorrang vor militärischen Optionen einzuräumen.

Hintergrund: Ein brüchiges Abkommen und neue Machtverhältnisse

Damaskus hatte der SDF wiederholt vorgeworfen, das bereits im März 2025 geschlossene Abkommen zur Eingliederung in staatliche Institutionen nicht umgesetzt zu haben. Die jüngsten Entwicklungen veränderten jedoch die Kräfteverhältnisse deutlich: Die syrische Armee konnte ihre Kontrolle über weite Teile von Aleppo und Raqqa ausweiten, während verbündete Stammesmilizen in Deir ez-Zor große Gebiete einnahmen.

Diese militärischen Erfolge erhöhten den Druck auf die SDF erheblich und schufen die Voraussetzungen für den nun vereinbarten politischen Kompromiss.

Internationale Reaktionen: Paris und Ankara positionieren sich

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte am Sonntag, er habe mit seinem syrischen Amtskollegen telefoniert und seine Sorge über die jüngsten Kämpfe zum Ausdruck gebracht. Macron forderte einen dauerhaften Waffenstillstand und eine Integration der SDF in den syrischen Staat.

Der türkische Außenminister Hakan Fidan hingegen betonte, dass die SDF weiterhin ein sicherheitspolitisches Problem für die Türkei und die Region darstelle. Ankara hoffe zwar auf eine friedliche Lösung, schließe jedoch den Einsatz militärischer Mittel durch Damaskus nicht aus.

Ein Wendepunkt für Syrien?

Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 bemüht sich die neue syrische Führung um Stabilisierung und Wiederaufbau. Das Abkommen mit den SDF gilt als einer der wichtigsten Schritte auf diesem Weg. Ob es tatsächlich zu einer nachhaltigen Befriedung des Landes führt, wird jedoch maßgeblich von der Umsetzung der Vereinbarungen und der Rolle externer Akteure abhängen.

Quelle & weiterführende Informationen:
Analyse zu Sicherheitsfragen |
Kurdenrechte in Syrien |
Militärische Entwicklungen am Euphrat

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