Merz sucht strategische Alternativen zu Washington

Berlin / Golfregion – Mit einer klaren wirtschafts- und energiepolitischen Agenda startet Bundeskanzler Friedrich Merz am Mittwoch eine mehrtägige Reise in die Golfregion. Ziel ist es, neue strategische Partnerschaften aufzubauen und die wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands von den USA unter Präsident Donald Trump zu reduzieren – einem politischen Akteur, dessen Entscheidungen in Berlin zunehmend als schwer kalkulierbar gelten.

Begleitet wird Merz von einer hochrangigen Delegation führender deutscher Wirtschaftsvertreter. Die Reise führt ihn bis Freitag nach Saudi-Arabien, Katar und in die Vereinigten Arabischen Emirate – drei Schlüsselstaaten mit wachsendem Einfluss auf globale Energie- und Investitionsmärkte.

Teil einer größeren außenwirtschaftlichen Neuausrichtung

Die Golfreise folgt unmittelbar auf Merz’ Indien-Besuch Anfang Januar und ist Teil einer umfassenderen Strategie zur Diversifizierung deutscher Wirtschafts- und Handelsbeziehungen. Hintergrund ist die fragile Lage der exportorientierten deutschen Wirtschaft, die zunehmend unter den Folgen der protektionistischen Zollpolitik Washingtons leidet.

Wie aus Regierungskreisen verlautet, soll Deutschland künftig breiter aufgestellt sein, um geopolitische Risiken besser abzufedern. Besonders im Fokus stehen dabei rohstoffreiche Regionen mit langfristigem Investitionspotenzial.

Golfstaaten als Schlüsselpartner der deutschen Industrie

Andreas Lenz, wirtschafts- und energiepolitischer Sprecher der Unionsfraktion, betonte am Mittwoch im Gespräch mit dem Sender Phoenix, dass Deutschland bereits heute der wichtigste Handelspartner der Golfregion innerhalb der EU sei.

„Die Staaten am Golf zeigen ein enormes Interesse an deutscher Spitzentechnologie – insbesondere in den Bereichen Automobilindustrie, Chemie und Maschinenbau“, erklärte Lenz. Diese Nachfrage eröffne neue Chancen für deutsche Unternehmen in einer Phase globaler wirtschaftlicher Unsicherheit.

Erste Station Saudi-Arabien: Fokus auf LNG und Zukunftsenergie

Den Auftakt der Reise bildet Saudi-Arabien, das zuletzt mehrfach Ziel hochrangiger deutscher Regierungsvertreter war. Berlin misst insbesondere dem Ausbau der saudischen Kapazitäten für Flüssigerdgas (LNG) große Bedeutung bei.

Deutschland bezieht derzeit einen Großteil seines LNG aus den USA – eine Abhängigkeit, die man in Berlin zunehmend kritisch sieht. Nach den Erfahrungen mit Russland wolle man, so heißt es aus Kanzlerkreisen, keinen neuen einseitigen Energiefehler begehen.

Katar als Energieanker – doch Vertragslaufzeiten bleiben Streitpunkt

Die zweite Station der Reise ist Katar, einer der weltweit größten LNG-Exporteure. Bereits 2022 hatte der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck dort über langfristige Lieferverträge verhandelt – jedoch ohne Durchbruch.

Streitpunkt war vor allem die Laufzeit der Verträge: Während Berlin auf maximal 15 Jahre pochte, verlangte Doha Verträge über 30 Jahre. Beobachter gehen davon aus, dass Deutschland diesmal größere Flexibilität zeigen könnte.

Allerdings steht dem das deutsche Klimaschutzgesetz entgegen, das den vollständigen Ausstieg aus fossilen Energien bis 2045 vorschreibt – ein strukturelles Dilemma für den Kanzler.

Katar als stiller Machtfaktor in der deutschen Wirtschaft

Über die Energiefrage hinaus ist Katar längst ein zentraler Akteur in der deutschen Unternehmenslandschaft. Der Golfstaat hält bedeutende Beteiligungen an Konzernen wie Volkswagen, dem Energieriesen RWE sowie der Deutschen Bank.

Diese wirtschaftlichen Verflechtungen verleihen den Gesprächen zusätzliche politische Brisanz und unterstreichen die strategische Bedeutung der Reise.

Zwischen Trump, Klimaauflagen und globalem Wettbewerb

Merz’ Golfreise verdeutlicht den Spagat deutscher Außenwirtschaftspolitik: Einerseits will Berlin unabhängiger von den USA werden, andererseits stehen ambitionierte Klimaziele und geopolitische Realitäten im Spannungsfeld.

Ob die Reise konkrete Verträge oder lediglich politische Annäherungen bringt, bleibt offen. Klar ist jedoch: Deutschland sucht neue Spielräume – in einer Welt, in der alte Gewissheiten zunehmend bröckeln.

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