Zaporizhzhia unter Dauerbeschuss: Europas größtes Atomkraftwerk als geopolitische Gefahr

International – Rund um das ukrainische Atomkraftwerk Zaporizhzhia, das größte seiner Art in Europa, eskaliert der militärische Konflikt zwischen Russland und der Ukraine weiter. Die anhaltenden Kämpfe in unmittelbarer Nähe der Anlage haben die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) erneut zu scharfen Warnungen veranlasst: Das Risiko eines nuklearen Zwischenfalls wächst.

Atomkraftwerk Zaporizhzhia als Druckmittel im Krieg

Ein Bericht des Journalisten Tamer Al-Samadi beleuchtet die zunehmenden Gefahren, denen das Kraftwerk im Südosten der Ukraine ausgesetzt ist. Zaporizhzhia ist längst mehr als eine Energieanlage – es ist zu einem strategischen Hebel im Krieg geworden und spielt eine zentrale Rolle in den von den USA vermittelten Gesprächen zwischen Moskau und Kiew.

Der anhaltende Beschuss rund um das Gelände macht das Kraftwerk zu einem militärischen und politischen Faustpfand. Während Washington eine internationale oder gemeinsame Verwaltung ins Spiel bringt, beharrt Moskau auf vollständiger russischer Kontrolle.

Militärische Präsenz innerhalb der Anlage

Exklusive Aufnahmen, die dem Sender Al Jazeera vorliegen, zeigen laut ukrainischen Angaben eine russische Militärpräsenz direkt innerhalb des Kraftwerks. Kiew wirft Moskau vor, die Anlage als Ausgangspunkt für militärische Operationen zu nutzen – ein Vorwurf, den Russland zurückweist.

Seit März 2022 befindet sich Zaporizhzhia unter russischer Kontrolle. Bereits damals hatte schwerer Beschuss internationale Besorgnis ausgelöst und Erinnerungen an frühere nukleare Katastrophen wachgerufen.

IAEA schlägt Alarm: Nur noch eine Stromleitung aktiv

Besonders alarmierend ist die technische Lage: Die IAEA bestätigte, dass die Reserve-Stromversorgung ausgefallen ist. Aktuell verfügt das stillgelegte Kraftwerk nur noch über eine einzige externe Hauptstromleitung – ein äußerst fragiler Zustand für die Sicherheit der Reaktoren.

Die Atomenergiebehörde fordert daher eine sofortige, temporäre Feuerpause im Umfeld der Anlage, um eine nukleare Katastrophe zu verhindern. Immer wieder kam es seit Kriegsbeginn zu Stromausfällen, zuletzt mehrfach durch Kampfhandlungen.

Personalnot und dramatische Veränderungen

Vor Beginn des russischen Angriffskrieges arbeiteten laut ukrainischer Regierung rund 11.000 Fachkräfte in Zaporizhzhia. Heute sind es nur noch etwa 2.000 Beschäftigte, die unter russischer Aufsicht tätig sind.

Ehemalige Mitarbeiter wurden nach Angaben ukrainischer Stellen entweder getötet, festgenommen oder schlossen sich den ukrainischen Streitkräften an, um ihr Land zu verteidigen.

„Eine tickende Zeitbombe“

Ein Ingenieur, der über zehn Jahre an den Reaktoren von Zaporizhzhia gearbeitet hat und heute Bürgermeister der nahegelegenen Stadt Enerhodar ist, sprach gegenüber Al Jazeera von einer „tickenden Zeitbombe“. Er warnt eindringlich vor realen Gefahren für die nukleare Sicherheit, da sowohl das Industriegelände als auch Wohngebiete militärisch genutzt würden.

Die Vermischung von ziviler Nuklearinfrastruktur und militärischer Präsenz stelle ein beispielloses Risiko dar – nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa.

Ein globales Risiko im Herzen Europas

Seit Februar 2022 beschuldigen sich Russland und die Ukraine gegenseitig, das Atomkraftwerk beschossen zu haben. Unabhängig von der Schuldfrage bleibt die Lage hochgefährlich: Ein Zwischenfall in Zaporizhzhia hätte grenzüberschreitende Folgen und könnte eine der schwersten nuklearen Krisen seit Jahrzehnten auslösen.

Die internationale Gemeinschaft steht damit vor einer klaren Realität: Solange der Krieg anhält, bleibt Europas größtes Atomkraftwerk ein politisches Druckmittel – und eine existentielle Bedrohung.

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