Al-Aqsa-Flut und der Kampf um die Deutungshoheit
Wie Hamas zwei Jahre Krieg in eine politische Erzählung verwandelt
Einleitung: Vom militärischen Konflikt zur Schlacht der Narrative
Mit dem Ausklang des Jahres 2025 hat sich der Gaza-Krieg zunehmend von einer offenen militärischen Konfrontation
zu einem umfassenden Kampf um politische Deutung, moralische Legitimität und internationale Wahrnehmung entwickelt.
Während sich die Intensität der Gefechte zeitweise verringerte, verlagerte sich der Schwerpunkt des Konflikts
auf die Ebene der Narrative.
In diesem Kontext veröffentlichte die Hamas die Broschüre
„Unsere Erzählung: Al-Aqsa-Flut – Zwei Jahre Standhaftigkeit und Wille zur Befreiung“.
Das Dokument versteht sich weniger als neutraler Rückblick, sondern als gezielte Intervention in den globalen Diskurs
über den 7. Oktober und seine Folgen.
Historische Einbettung: Der 7. Oktober als Resultat eines langen Prozesses
Die Hamas verortet den Angriff vom 7. Oktober bewusst in einer historischen Kontinuität, die bis in die Zeit
des britischen Mandats und die Staatsgründung Israels 1948 zurückreicht. Ziel dieser Einordnung ist es,
den Angriff nicht als Ausnahme oder Eskalation, sondern als zwangsläufige Folge struktureller Gewalt darzustellen.
Besonderes Gewicht legt die Broschüre auf den massiven Ausbau israelischer Siedlungen.
So wird darauf verwiesen, dass sich die Zahl der Siedler im Westjordanland seit den Oslo-Verträgen von rund
280.000 auf etwa 950.000 erhöht habe. Diese Entwicklung dient als Beleg für das Scheitern des politischen
Verhandlungsprozesses.
Die Krise der Diplomatie und der Autoritätsverlust der Palästinensischen Autonomiebehörde
Ein zentrales Argument der Hamas ist das vollständige Scheitern diplomatischer Lösungsansätze.
Die Palästinensische Autonomiebehörde wird als politisch entmachtet, sicherheitspolitisch abhängig
und gesellschaftlich delegitimiert beschrieben.
Laut der Broschüre habe sich die Autonomiebehörde von einem Instrument nationaler Selbstbestimmung
zu einem Verwaltungsapparat ohne reale Souveränität entwickelt. Diese Entwicklung habe den
Weg für eine erneute Eskalation zwangsläufig bereitet.
Gaza vor dem Angriff: Belagerung, Blockade und Eskalationslogik
Die Darstellung der Situation im Gazastreifen vor dem 7. Oktober nimmt breiten Raum ein.
Die Hamas beschreibt Gaza als ein Gebiet im permanenten Ausnahmezustand, geprägt von Blockade,
wirtschaftlichem Zusammenbruch und sozialer Perspektivlosigkeit.
Zusätzlich verweist das Dokument auf angebliche israelische Sicherheitspläne zur gezielten
Ausschaltung der Hamas-Führung, um den Angriff als präventive Maßnahme zu legitimieren.
Der 7. Oktober als „Tag des Durchbruchs“
Der Angriff selbst wird als bewusst geplante, strategische Operation dargestellt.
Begriffe wie „Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit“ und „historischer Durchbruch“
ziehen sich durch das gesamte Kapitel.
Die zeitweilige Kontrolle israelischer Militärstellungen sowie die Gefangennahme von Soldaten
werden als Beweis für den Zusammenbruch des israelischen Sicherheitskonzepts interpretiert.
Der symbolische Schaden für Israels Abschreckungsdoktrin steht dabei im Mittelpunkt.
Zurückweisung der israelischen Darstellung
Ein eigenes Kapitel widmet sich der Zurückweisung israelischer Vorwürfe, insbesondere im Hinblick
auf die gezielte Tötung von Zivilisten. Die Hamas bestreitet systematische Angriffe auf Zivilisten
und verweist auf israelische Militärprotokolle wie das sogenannte „Hannibal-Verfahren“.
Zudem wird auf journalistische Recherchen verwiesen, die nahelegen, dass ein Teil der israelischen
Opfer durch eigenes Militärfeuer ums Leben gekommen sei.
Der Krieg gegen Gaza: Zerstörung und internationale Verantwortung
Die israelische Offensive nach dem 7. Oktober wird als Vernichtungskrieg dargestellt.
Zahlen zu zivilen Opfern, zerstörter Infrastruktur und massiver Vertreibung dominieren diesen Abschnitt.
Gleichzeitig wird die Rolle der Vereinigten Staaten scharf kritisiert.
Washington wird als direkter politischer und militärischer Partner Israels beschrieben,
der durch Waffenlieferungen und Vetos im UN-Sicherheitsrat den Krieg verlängert habe.
Verhandlungen, Waffenruhe und politische Manöver
Die Hamas stellt sich selbst als verhandlungsbereiten Akteur dar, der über regionale Vermittler
wie Katar und Ägypten mehrfach versucht habe, einen Waffenstillstand zu erreichen.
Das wiederholte Scheitern von Abkommen wird vor allem der israelischen Regierung zugeschrieben,
die aus innenpolitischen Gründen kein Interesse an einem Kriegsende gehabt habe.
Globale Auswirkungen und der Wandel der öffentlichen Meinung
Ein zentrales Argument der Broschüre ist der internationale Meinungsumschwung.
Großdemonstrationen, juristische Verfahren vor internationalen Gerichten und
kritische Debatten in westlichen Parlamenten werden als historische Zäsur gewertet.
Die Hamas interpretiert diese Entwicklung als langfristige Schwächung der israelischen
moralischen und politischen Position.
Kann Hamas isoliert werden?
Die Broschüre weist Versuche zurück, Hamas politisch zu isolieren.
Mit Verweis auf Wahlergebnisse und Umfragen argumentiert sie,
dass die Bewegung tief in der palästinensischen Gesellschaft verankert sei.
Gleichzeitig bleibt offen, wie sich diese gesellschaftliche Unterstützung
unter den Bedingungen von Zerstörung und Wiederaufbau entwickeln wird.
Nach dem Krieg: Offene Fragen und ungelöste Widersprüche
Im abschließenden Teil formuliert die Broschüre weitreichende Forderungen:
vollständiger Rückzug Israels, Aufhebung der Blockade, Wiederaufbau und
eine neue palästinensische Einheitsstruktur.
Kritisch bleibt jedoch, dass konkrete politische Mechanismen zur Umsetzung
dieser Ziele weitgehend fehlen. Die Broschüre wirkt hier eher wie ein
politisches Grundsatzpapier als wie ein realistischer Fahrplan.
Fazit: Eine starke Erzählung mit strategischen Leerstellen
„Unsere Erzählung: Al-Aqsa-Flut“ ist ein sorgfältig konstruiertes politisches Dokument,
das darauf abzielt, Bedeutung, Legitimität und historische Einordnung des 7. Oktober
dauerhaft zu prägen.
Während es der Hamas gelingt, militärische, moralische und politische Ebenen
zu einer kohärenten Erzählung zu verbinden, bleibt die Auseinandersetzung
mit den langfristigen Kosten, innerpalästinensischen Spannungen und globalen
Machtverhältnissen begrenzt.
Gerade in dieser Spannung zwischen erzählerischer Stärke und politischer
Unbestimmtheit liegt die zentrale Aussagekraft – und zugleich die größte
Schwäche – des Dokuments.



